Fünf Minuten vor Zwölf – Eine Songanalyse, Version 2.0

Edit 1: Ganzer Text nochmals überarbeitet und Feedback beachtet, neue Version nochmals gepostet. Die alte Version kann für einige Zeit hier noch eingesehen werden.

Edit 2: Zitate aus dem Song speziell hervorgehoben. Danke sk8r!

Es ist fünf Minuten vor Zwölf, singt Udo Jürgens in seinem Lied. Eben dieses Lied hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Es geht darum, wie die Menschheit ihren eigenen Planeten langsam zu Grunde richtet, und soll darauf aufmerksam machen, ein bisschen mehr Sorge zu unserer Umwelt zu tragen. Ich werde mir nun ansehen, auf welche Art und Weise das Lied durch seinen Text versucht, zu uns zu sprechen. Doch hier erst mal das Lied:

Die komplette Text ist hier nachzulesen: Fünf Minuten vor Zwölf

Das ganze Lied besteht aus drei Strophen. In jeder Strophe wird zum grössten Teil auf schlechte Veränderungen unserer Welt hingewiesen, und das auf eine Weise, die einen sehr berühren und bedrücken kann. Udo Jürgens singt hierbei immer in der ersten Person, und sagt was er alles sieht. Dieses „ich sah“ muss allerdings nicht unbedingt wörtlich genommen werden, sondern eher in einer übertragenen Bedeutung verstanden werden. Und zwar spricht er nicht zwingend davon, was schon ist, sondern eher was sein wird, wenn die Menschheit so weiter macht.

In der ersten Strophe geht es hier vorallem um Veränderungen in der Natur, eben Dinge die nicht mehr so sind wie sie von Natur aus sein sollten, wie der Beton wo früher eine Wiese war. Hingegen werden in der zweiten Strophe eher Ereignisse in der modernen Gesellschaft thematisiert, wie den ermordeten Mann, der für Hoffnung und Frieden warb. Im dritten Teil schliesslich geht es dann um grösstenteils psychologische Aspekte. Der gesamte Text ist also ziemlich klar eingeteilt.Was die Reime angeht, sind diese grösstenteils klar nach dem Muster ABCB gegliedert. Dieses Muster wiederholt sich alle vier Zeilen. Eine Ausnahme ist die erste Hälfte der Dritten Strophe, hier ist es ganz einfach AABBCC.

Besonders interessant finde ich Sätze wie

„Und ich sah einen Zaun, wo es früher nur Freiheit gab.“

oder

„sah‘ die Liebe erfrieren“

Der ganze Songtext ist nämlich voller Metaphern. Klar kann man das hier so verstehen, dass jetzt überall Zäune in der Gegend stehen und man deswegen sehr eingeschränkt ist. Aber man kann es eben auch anders auffassen, nämlich dass unser ganzes Leben viel weniger frei ist als früher, weil einem durch die ganze Gesellschaft immer mehr vorgeschrieben wird. Andererseits könnte man auch sagen, dass wir durch zum Beispiel das Internet freier sind als früher, um dem zu widersprechen, aber ich schweife ab. Wie ihr ja nun alle wisst, ist das ein sehr kompliziertes Thema. Das zweite Beispiel hier ist auch eindeutig eine Metapher, die Hauptaussage ist ja nicht dass man die Liebe wirklich erfrieren sieht, sondern dass sie an Bedeutung für uns verliert.

Udo Jürgens nimmt auch ziemlich extreme und beängstigende Dinge auf, aber trotzdem sind diese realistisch gesehen vorstellbar, wie zum Beispiel

„ich sah einen Strand, der ganz schwarz war von Öl und Teer.“

All diese Dinge sind sehr bedrückend, weil sie uns eine Zukunft zeigen, wie sie sein könnte wenn sich nichts ändert.

Und dennoch gibt es Hoffnung. Es ist nicht alles aussichtslos. Dies wird dadurch gezeigt, dass in jeder Strophe nach dem traurigen und bedrückenden Teil ein hoffnungsvoller Teil kommt. Diese starken Gegensätze kommen in jeder Strophe vor, und dienen dazu, den Zuhörer trotz allem zu zeigen, dass es noch nicht zu spät ist.

Einer dieser Sätze, der auch nochmals wiederholt wird, ist

„Doch ich sah auch die Angst, die so viele zur Einsicht bringt. Jemand sagte zu mir, dass die Zukunft grad jetzt beginnt.“

Ich habe dieses Lied gewählt, weil man es sehr mit unserem jeztigen Thema in der Geographie in Verbingung bringen kann. Es stammt nämlich aus dem Jahr 1982, also genau aus der Zeit, in der das Problem mit der verschwindenden Ozonschicht in der Erdatmosphäre langsam aktuell wurde. So schlimm diese Entdeckung aber war, sie hat uns eben auch aufgezeigt, dass der Mensch durchaus imstande ist, etwas zu ändern, wenn er dann wirklich muss und alle zusammenarbeiten. Dies zeigt uns obiger Satz. Eben die Tatsache, dass wir so kurz vor 12, also vor der kompletten Zerstörung unserer Umwelt stehen, kann auch zum Teil als etwas Positives empfunden werden, weil es dem Menschen nun wirklich erst wichtig wird, ernsthaft etwas an seinem Verhalten zu ändern. Und dann, könnte man sagen, beginnt die Zukunft.

„Und ich sah auf die Uhr: fünf Minuten vor Zwölf“

Dieser Ausschnitt, der am Ende jeder Strophe vorkommt und sozusagen Refrain genannt werden könnte, auch weil der Titel des Liedes sich auf ihn bezieht, muss natürlich auch als Metapher verstanden werden. Die übertragene Bedeutung könnte man etwa so verstehen:

„Und ich erkannte aufgrund all dem: es ist kurz bevor es zu spät ist“

Was ist es aber, das die Wirkung des Songs für mich entfaltet? Es ist einerseits der Inhalt an sich, nämlich ein Thema das uns alle betrifft, und mir auch ein bisschen Angst macht. Andererseits sind es die starken Gegensätze von Pessimismus und Optimismus, die ich sehr gut eingesetzt finde. Ich möchte auch noch kurz die Musik an sich thematisieren, denn bekanntlich macht diese ja sowohl in Songs, als auch in Filmen einen grossen Teil der Wirkung auf uns aus. Was mir besonders gefällt ist der Einsatz des Klaviers in der ersten und zweiten Strophe und der Flöte in der dritten Strophe bei dem bedrückenden Teil, der auch hier im starken Gegensatz zum hoffnungsvollen Teil steht, der von einer E-Gitarre begleitet wird. Durch den Einsatz von Perkussion wird hier im Laufe des Liedes ebenfalls noch etwas Gewicht auf die Aussagen gelegt, was das Ganze für mich noch etwas dramatischer macht.

Aufgrund dem, was wir in den letzten Stunden besprochen haben, stellt ihr euch jetzt sicher noch die Frage, ob das Lied als kitschig empfunden werden kann. Es ist ein Schlagersong, diese werden normalerweise gar nicht so selten als recht kitschig empfunden. Und trotzdem finde ich dieses Lied überhaupt nicht kitschig, was erstens mal an dem ganzen Ernst dieses Themas liegt. Es geht nicht um eine Verlorene Liebe, sondern um die Zerstörung der Welt. Zweitens tönt auch die Musik nicht nach typischem Schlager (siehe Helene Fischer), was ich auch nicht so schlecht finde.

Zusammenfassend kann man sagen, dass dieses Lied sehr schön das Verhalten des Menschen aufzeigt. Wir richten unseren Planeten zugrunde, nur damit wir es bequemer haben können, und haben grundsätzlich keine Lust, etwas daran zu ändern. Wenn es aber fast zu spät ist, dann wird plötzlich klar, zu was wir alles im Stande sind. Wir könnten eine viel bessere Welt erschaffen, wenn nur jeder daran mitwirken würde.

Ich möchte zuletzt noch Udo Jürgens gedenken, der mit seinen Liedern viele tiefgründige und gesellschaftskritische, aber auch wundervolle Meisterwerke geschaffen hat.

Smaug

3 Comments

  1. Meiner Meinung nach ist dies eine gelungene Überarbeitung mit vielen neuen, zusätzlichen Informationen. Jedoch könntest du die Lyrics besser hervorheben, indem du sie anders formatierst. Dazu gibt es einen Knopf (Zitat), der dann den Text automatisch ein bisschen einrückt und grau macht. 😉
    sk8r

  2. Danke vielmals für die Rückmeldung! Ich werde dies asap noch machen 🙂

  3. Nur Weile in deutsch gesungen wird ists noch lange kein Schlager.
    Wiesieselbst erwähnthaben ist weder der Text noch die Musik schlagertypisch ergo ists kein Schlager.
    UJ hatte schlagersongs, doch grundsätzlich ist er eine ganz eigene Kategorie und das Wort Schlager wäre wohl abwertend.
    Es ist eine Mischung aus opinion Songs, mit franz chanson, pop und Klassik das ganze in deutsch. Nicht umsonst werden nur die simpelsten gassenhauer von drittklassigen Bierzelt Musikern nachgeäfft, der Großteil ist ganz einfach zu kompliziert ums auch nur halbwegs ähnlich klingend zu reproduzieren.

    Es ist schon bemerkenswert das dieses Lied von 1982 bis heute so aktuell, aber auch bereits so bewahrheitet hat.
    Dazu passt dann ganz gut – ihr von morgen – Wort – Atlantis sind wir – Gehet hin und vermehrte euch – mein größter wunsch -Moskau New york ( das vor dem Fall der Berliner Mauer produziert wurde) – fehlbilanz
    Um nur einige zu nennen

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