Money Boy – Ich tätowier‘ mich zu

Das ist Money Boy. Ich halte ihn für ein ganz großes Rap-Genie und werde anhand seines Songs »Ich tätowier mich zu« von seinem ersten Album »Swag« von 2013 zeigen, warum ich zu diesem Urteil komme. Bildschirmfoto 2014-12-01 um 22.36.22

Money Boy ist – darüber besteht kein Zweifel – ein Durchschnittstyp, wenn es ums Rappen geht. Er verfügt weder über die ganz krassen Beats noch überraschen seine Reime. Das, was Sie gleich hören werden, wenn Sie Bemerkungen unter der Gürtellinie ertragen, würden wir wohl alle hinkriegen, wenn wir es aufs Rappen anlegen würden.

Nun werfen diese beiden Urteile eine Kluft auf: Zunächst habe ich Money Boy als Genie bezeichnet, um ihm dann Durchschnittlichkeit zu attestieren. Wie geht das zusammen?

Weed und Tattoos, Homie, Urban Ink
Kuck mal her, my Man, ich les‘ die neue Urban Ink,
yeah.
Und ich brauche eine Bitch mit Tattoos,
Denn ich steh auf Tattoos wie dieser Mr. Cartoon
Ich bin Mr. Co-Cool
Jetzt verpiss dich du Fool
Ich ging schon in der Siebten mit der Pistol zur School.

Liest man so ausgeschrieben, was der doch schon 33-jährige Wiener im Song von sich gibt, so passt das eher zur zweiten Beurteilung: Das ist Schulklopoesie. Cool, Fool und School – gut, das reimt sich, aber mehr ist nicht drin. Möchtegerne, ist man versucht zu sagen: Da hören wir einen, der gerne Tattoos hätte, aber kaum welche hat, der gern mit Frauen verkehren würde, es aber nicht tut, der andere herabsetzt, ihnen aber allenfalls mit einer eingebildeten Gang drohen kann oder einer ebenso imaginären »Pistol«, von der er in halb-passendem Englisch behauptet, er habe sie in die »School« mitgenommen.

Und genau hier setzt Money Boys Genie ein. »Ich tätowier mich zu / keine Haut nur noch Farbe […] Haut, Haut, Farbe« – der Hook bringt auf den Punkt, worum es hier geht: Um die Sehnsucht, in einer anderen Welt zu leben. Der schmächtige Wiener, der sich in einer Abschlussarbeit an der Uni mit dem deutschen Rap auseinandergesetzt hätte, zeigt uns die Krise des europäischen Mannes. Der kann ganz vieles, er wünschte sich aber, an einem Ort zu sein, wo er sich beweisen muss, sein Leben auf dem Spiel steht (»sollt‘ ich sterben / nehm‘ ich die Tattoos mit ins Grab«) – er aber auch alles darf: Konkurrent Gewalt antun, Drogen konsumieren und sich die Frauen als Sexualobjekte nehmen. Genannt werden Vegas, ein Strandhaus, Soulja Boy, Gucci Mane – gemeint ist das Ghetto amerikanischer Großstädte, wo schwarze Jugendliche aus der Not in Gangs Rollen einnehmen, die mit Gewalt, Drogen und einem riskanten Lebensstil verbunden sind. Die Veränderung der Hautfarbe durch die Tattoos würde diese Sehnsucht nach einer anderen Welt symbolisieren – aber davon ist Money Boy wie alle deutschen Möchtegern-Gangster weit entfernt.

Er inszeniert in Wien und Berlin ein Ghettoleben, das keines ist. Allenfalls ist Money Boy am »Grinden« – er hängt im KFC in Wien und ist auf Twitter und Instagram. So gefährlich sieht sein Leben denn letztlich aus:

Ständig muss er »no homo« an seine Aussagen anhängen, weil er panische Angst davor hat, für einen Homosexuellen gehalten zu werden. So gern er Sicherheit ausstrahlen würde, so deutlich drückt er seine Verunsicherung aus. Er traut sich nicht einmal, sich das angekündigte Tattoo im Gesicht stechen zu lassen.

So drückt Money Boy ein Problem aus, das ganz tief in der Seele von vielen Männern in Europa drinsteckt: Sie können sich entweder an der Jugendkultur oder an der Aggression einer anderen Welt orientieren, ohne dadurch tatsächlich aus ihrem durchschnittlichen Leben ausbrechen zu können. Tattoos sind das Symbol dafür: Der Wunsch, ganz anders zu sein als alle anderen – um dann unter dem Langarmhemd versteckt zu werden, damit man bei der Arbeit nicht aneckt. Krampfhaft grenzen sie sich von Fremden und Schwulen ab, indem sie ihre intellektuelle Überlegenheit und Heterosexualität herausstreichen, aber nicht in der Lage sind, sich locker zu machen. Und ja – damit meine ich auch mich selbst, auch wenn ich keine Tattoos habe, höchst selten Rap höre und versuche auf fremde Menschen zuzugehen: Letztlich bin ich gefangen zwischen Anpassung und der Sehnsucht, auszubrechen, gefangen in einem langweiligen weißen Körper, in meiner Unlockerheit.

Dass Money Boy uns das vorlebt, indem er sich nicht scheucht, seine handwerklichen Schwächen offenzulegen, halte ich für sein wahres Talent.

 

2 Comments

  1. No offense, aber ich finde es wurde ein wenig am Ziel vorbei geschossen. Klar verstehe ich die Gründe wieso Money Boy ein „Genie“ sein sollte, jedoch ist er für mich kein Genie, sondern einer von vielen. Ein möchtegern „Gangsta Rappa“, der probiert möglichst cool zu sein, indem er möglichst oft sich selber oben ohne (oder in einem Tank-Top) zeigt um seinen „hammergeilen“ Körper zu zeigen, sein Bling-Bling jedem unter die Nase hält und sein Tattoo allen zeigen will.
    Auf dieses Tattoo gehe ich noch genauer ein, denn mir ist aufgefallen wie das Tattoo seine Persönlichkeit ziemlich genau wiederspiegelt. Was ich erkennen konnte waren Rosen, Dollar-Noten und eine Maske. Ich verstehe es so, dass er seine innerlich zierlichen Rosen (seinen weichen und sentimentalen Charakter, der bei seinen Videos sehr stark raus leuchtet) durch die Maske verdecken will und ein Gangster Image annehmen will.
    ^Deskad

  2. Ein Genie ist ein Mensch, welcher über eine überragende schöpferische Begabung oder Geisteskraft verfügt (http://www.duden.de/rechtschreibung/Genie_Koryphaee_Genius). Dies ist Money Boy auf keinen Fall. Ein kurzer Blick auf die Titel seiner Mixtapes (http://de.wikipedia.org/wiki/Money_Boy#Mixtapes), unter anderem ‚YOLO‘, ‚Swaghetti Yolonese‘ und ‚Ich bin der Chicken Man‘, zeigt genau das Gegenteil. Schlechte Reime, fade Beats und ein Möchtegern-Image, dies ist eine eher passende Beschreibung für den Österreicher. Jedoch widerspricht
    dies in keiner Weise Ihrer allgemeinen Interpretation. Money Boy möchte stark erscheinen, mit Geld und ‚Fame‘ prahlen, kommt aber wie gesagt eher als Möchtegern an, selbst sieht er sich aber wahrscheinlich als ‚Mr. Co-Cool‘. Das Problem oder die Sehnsucht, welche Money Boy Ihrer Meinung nach ausdrückt, ist aber tatsächlich vorhanden. Nur ist dies meiner Meinung nach keine Absicht.
    ^Bensky

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