Sophies Niemand

„Neugier (auch Neugierde) ist das als ein Reiz auftretende Verlangen, Neues zu erfahren und insbesondere Verborgenes kennenzulernen.“ (Quelle: Wikipedia; Neugier)
Dies ist auch schon die Erklärung für den einzigen, wirklichen Reiz des ansonsten ruhigen Liedes „Walzer für Niemand“ von Sophie Hunger. Wer oder was ist „Niemand“?
Leider gibt es zu diesem Lied (trotz Erscheinungsjahr 2009!) kein eigentliches Musikvideo. Ich empfehle euch trotzdem, zunächst einmal selber reinzuhören.

Nicht sehr überraschend für eine ehemalige Germanistikstudentin ist der Text recht irritierend und nicht eindeutig. Die Erzählung erfolgt meist bildlich, umgeben von einer melancholischen Klavierbegleitung, welches die Enttäuschung und Gefühle des lyrischen Ichs hervorragend zum Ausdruck bringen.

Vorneweg könnte man sich fragen, ob das ganze Lied auf ein Wortspiel beruht. Walzer für Niemand? Für keinen? Oder doch für jemanden; wenn ja, für wen?

Da dieses „Niemand“ zu Handlungen fähig ist, zudem ab der zweiten Strophe erstmalig als „Dich“ angesprochen wird, wird einem klar, dass mit „Niemand“ nicht die Erstbedeutung „keiner“, wie beispielsweise im Lied „No one“ von Alicia Keys, gemeint sein kann.

Niemand, ich habe Geschenke für dich
Was wär ich geworden, gäb es dich nicht
Meine gesammelten Werke – bitte sehr
Alles gehört dir

Das lyrische Ich scheint eine intensive Bindung zum „Niemand“ zu haben. Er übt einen grossen Einfluss auf sie aus. Zudem ist es ihr von grosser Bedeutung, ihm zu gefallen, in dem sie ihn beispielsweise reichlich beschenkt.

Niemand, siehst du’s, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, Niemand, schau her
Bald bin ich nichts und das, was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit

Nun ist klar, dass diese Beziehung kaputt ist. Sie beruht nicht auf Gleichberechtigung, sie ist einseitig. Wo ist die Wertschätzung und Achtung des Niemands zu ihr? Von ihr ist bald nichts mehr übrig, sie hört auf zu wachsen, ist sie dann etwa bloss noch ein Haufen Elend? Immer werden nur seine Bedürfnisse berücksichtig.

Niemand, was, was willst du?
Immer bist du hier
Niemand, was, was willst du?
Von mir? Von mir? Von mir?“

Wieso bleibt sie bei ihm? Wer ist überhaupt dieser Gesichtlose? Dazu werde ich im Folgendem drei Interpretationsmöglichkeiten erörtern.

Erstens: Dissoziativen Identitiätsstörung (Persönlichkeitsspaltung)
(Textinhalt im übertragenem Sinn deuten)
Die „Person“ (= lyrisches Ich + Niemand) leidet seit längerem unter einer Persönlichkeitsspaltung, ähnlich wie bei Smeagol und Gollum von Herr der Ringe.
Der einen Hälfte, das „Du“ oder „Niemand“, ist alles gleichgültig. Sie ist seelisch abgestumpft und befindet sich, wie oft bei dieser Krankheit, in einer Art Trance. („Aber dir ist eh alles egal“)
Die andere Hälfte ist das lyrische Ich. Sie bemüht sich um ihr Gegenstück, da sie möchte, dass es wieder „normal“ bzw. wie früher wird. Da dieser Zustand schon seit längerem herrscht („Niemand, keiner kennt mich wie Du“), verliert das lyrische Ich langsam die Kraft und die Hoffnung auf eine Besserung ihres Gegenstückes. Sie ist enttäuscht und nennt ihre andere Hälfte aus Trotz „Niemand“. („Niemand, was, was willst Du … Von mir?“)

Zweitens: Niemand = wirkliche Person
… aus dem Leben des lyrischen Ichs. Beispielsweise der Vater. Eine Begründung hierzu ist in den Zeilen „Ich wachse nicht mehr“, oder „Niemand, keiner kennt mich wie Du“, da man seinen Vater gewöhnlicher Weise seit jeher kennt. Nun zur Gleichgültigkeit des Vaters. Gehen wir davon aus, dass seine Ehefrau gestorben ist. Seit dem ist er Alkoholiker und lebt bei seiner Tochter. Dies würde die erste Strophe erklären, in der er morgens reinkommt und Frühstück haben möchte. Wieso kommt er erst am Morgen? Verbringt er seine Nächte ausserhalb mit Alkohol? Als Tochter fühlt sich das lyrische Ich dazu verpflichtet, sich um ihn zu kümmern. Jedoch nehmen auch sie die Umstände schwer mit, weshalb sie ihrem Vater in der letzten Strophe einen indirekten Vorwurf macht, was er eigentlich von ihr wolle. Da es ihr peinlich ist, einen Alkoholiker als Vater zu haben, nennt sie ihn „Niemand“.

Drittens: Niemand = Gott
(Textinhalt im übertragenem Sinn deuten)
Das lyrische Ich stellt sich Gott als eine Person vor, Die sie umgibt. Früher einmal hatte sie ein gutes Verhältnis zu Gott. Nun aber ist ihr etwas passiert, von dem sie Gott vorwirft, Er hätte ihr helfen müssen. Das änderte ihre gesamte Vorstellung von Gottes Güte. Sie macht Ihm Vorwürfe, dass ihre Beziehung zueinander einseitig geworden ist: Ihm ist alles egal, und Er kümmert sich nicht um sie, obwohl sie sich um Ihn bemüht. In der letzten Strophe fragt sie Ihn verzweifelt, was Er genau von Ihr wollte, damit Er wieder zu ihr steht sowie sie schützt, und sie offenbart ihm, dass sie Ihn nicht mehr verstehe.

Obwohl ich das Lied inhaltlich nicht verstehe (Verständnis im Sinne von zwischen Autor und Leser/Zuhörer), finde ich es schön. Die Lyric betrachtet ist es ein Gedicht. So enthält es beispielsweise des Öfteren unreine Paarreime. (hin – Kinn; Frühstücksmenü – immer zu früh) (http://www.reimix.de/reimschule/unreine-reime/) Es würde mich wirklich wundern, wen oder was Sophie Hunger mit „Niemand“ bezeichnen wollte, und was ihr Grund dazu gab.
Wohlmöglich wird es in jedem von unserem Leben einmal ein „Sophies Niemand“ geben. Mit dem/der wir eine einseitige Beziehung pflegen. Ausnutzen oder ausgenutzt werden. So hoffe ich, dass wir die richtige Entscheidung treffen, in dem wir  die Bindung kippen, oder sein lassen.

– cashew

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