Au Revoir

Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?
Horaz (65 – 8 v. Chr.)

Schon der römische Dichter Horaz erkannte das Fernweh, welches in den Herzen jedes Menschen wohnt, ihn zuweilen aus seiner Heimat in das Unbekannte, Neuartige treibt. Das Fernweh überdauerte die Jahrtausende und ist auch 2014 noch ein zentrales Thema, als Mark Cwiertnia (Mark Forster) in Kooperation mit Sido Gold (Sido) ein Lied mit dem Titel „Au Revoir“ komponierte.

Musikalisch bewegt sich der Song im Bereich der Popmusik. Das Symphonie-Orchester, welches durchgehend als Begleitung dient, ist nebst einer originellen Idee auch ein guter Kontrast zum Rapper Sido.

Auch interessant finde ich die immer wieder auftretende Tonfolge markanter, auto-getunten Klänge die den Zuhörer in Ferienstimmung versetzt. Sie ist nicht nur ein Ohrwurm, sondern lässt das Fernweh spürbar werden.

In der ersten Strophe wird mehrfach die Frustration über die trostlose Einöde des Alltags angesprochen. Mit den Worten „jeder Tag ist so gleich“  und „ich will nur noch hier raus“   klagt das lyrische Ich über die nur allzu vertraute Lebenssituation und äussert zugleich den Wunsch, dies hinter sich zu lassen. Es ist seinem jetzigen Aufenthaltsort und den immer gleichbleibenden Umständen überdrüssig und möchte einfach nur noch weg. Es verspürt also Fernweh.
Auffallend sind die unreinen Reime (wohn‘ – gewohnt, Wind – hin, usw.) die das gesamte Lied prägen. Einige Zeilen reimen sich nahezu gar nicht, als ob nicht viel Wert auf den Textbau gelegt worden wäre. Allerdings wirkt die Wortwahl auf mich eher spontan als unüberlegt, passend zur Botschaft des Liedes.

Ich zieh Runden durch mein‘ Teich – Ein Teich ist ein stilles, in sich geschlossenes Gewässer. Ähnlich kann es sich mit dem Umfeld verhalten. Es ist ruhig, vertraut und ändert sich selten überraschend von einem Tag auf den anderen.
Man zieht ebenfalls Runden durch den Alltag, wie ein Fisch Runden durch einen Teich zieht. Kennt nicht jeder das Gefühl im Kreis zu gehen? Immer dasselbe zu sehen und zu erleben? Immer den gleichen Ablauf, wie der nur zu vertraute Alltag, dem man gerne entfliehen möchte.

Je älter ein Mensch wird, desto mehr „wächst er fest“ – es gestaltet sich immer schwieriger, seine Wurzeln abzureissen und wegzugehen.
Das Leben bindet einen, man schliesst Freundschaften, verliebt sich, gründet eine Familie – Dinge, für die man Verantwortung übernehmen muss. Sie lassen einem „verwachsen“, man kann nicht einfach nur noch weg. Sie bilden Wurzeln, die nicht ohne Schmerz ausgerissen werden können.
Und irgendwann ist man auch, ganz simpel, zu alt für grosse Abenteuer und bereut es, zu früh seine Wurzeln geschlagen und nie etwas von der Welt gesehen zu haben.

Erst im Refrain wird deutlich, dass die Entscheidung endgültig ist. Mark singt davon, ein völlig neues Leben anzufangen.„Vergesst wer ich war, vergesst meinen Namen“
Au Revoir
ist französisch für “Auf Wiedersehen”. Wörtlich gesehen widerspricht es somit dem Ich lass alles hinter mir. Es kann jedoch auch so interpretiert werden, dass das lyrische Ich nicht so sehr den Wechsel in seinem Leben in der lokalen Ausrichtung sucht, sondern wie in „Ich komm nie zurück zu mir“  lediglich seinen Charakter, seinen Lebensstil und sein “Ich” ändern möchte.

In der darauf folgenden zweiten Strophe rappt Sido darüber, die Träume in die Tat umzusetzen. Es wird direkt zu der eigentlichen Übersetzung von Au Revoir Stellung genommen, da erwähnt wird, dass es auf keinen Fall ein Wiedersehen geben wird.
Das Wort „ich“ wird besonders an dieser Stelle sehr häufig verwendet. Dies zeugt von einer egozentrischen Wortwahl. Zudem dient dies allenfalls für die Stärkung des Selbstbewusstseins des lyrischen Ich.

Schon kleine Kinder träumen von grossen Abenteuern und Heldentaten, Geschichten zu erleben, die ihre Lieblingsfiguren in Gutenachtgeschichten und Disney-Serien bestreiten.
Und fast jedes Kind weiss, dass man „das Grosse“ nicht einfach vor der Haustür findet. (Ob dies der Wahrheit entspricht ist zweifelhaft, aber es ist eine Tatsache, dass viele Leute glauben, Abenteuer seien nur in der Ferne zu finden.)
Mit dem Gummiboot nach Alaska, einmal Indiana Jones sein, auf dem Mayathron zu sitzen – all dies sind klassische Abenteuer, welche uns den farblosen Alltag vergessen lassen.

Der Phönix macht jetzt ’n Abflug
Einer der bekannteren griechischen Fabelwesen, welches in vielen literarischen Texten, Filmen und anderen Liedern vorkommt, ist der Phönix, ein Raubvogel, welcher nach dem Tod in Flammen aufgeht, um kurz darauf aus seiner Asche wieder aufzuerstehen.
Diese Textstelle kann nun auf zwei Arten interpretiert werden. Die offensichtlichere ist, dass man „seinen Aschehaufen“ zurücklässt, um einen Abflug zu machen – einfach fortzugehen und sich seine Existenz von Grund auf neu aufbaut – also wiedergeboren wird.
Die andere, weniger ersichtliche Interpretation könnte sein, dass der Phönix dem ewigen Zyklus von Leben und Tod, quasi seinem Alltag, leid ist. Seine Erlösung ist die Flucht in den endgültigen Tod, das durchbrechen des Kreises. Hier kann der Abflug als ein etwas derberes Wort für sterben gedeutet werden.

Sei es Alaska, Singapur oder der Dschungel, das lyrische Ich „macht nen Schuh„, (wie die Kinder in Indien). Dieses Wortspiel bezieht sich einerseits auf die Redensart einen Schuh zu machen, was soviel heisst wie aufbrechen oder sich verabschieden. Andererseits spielt Sido damit auf die Zustände bei der Produktion von vielen Schuhen an (Nike, Adidas etc.). Diese werden häufig in Indien von Kindern genäht.

Das Musikvideo von Au Revoir handelt von der 16-jährige Maya, die von zu Hause wegläuft, da sie sich nach mehr Freiheit sehnt. Gepackt von der Abenteuerlust erfüllt sie sich ihre Träume, geht auf Reisen. Es endet damit, dass sie Ballet vortanzt. Zwischendurch ist immer wieder Forster, teilweise zusammen mit Sido, auf derselben Theaterbühne  das Lied singend zu sehen. Dies sind die einzigen Stellen, die ich auf das Lied übertragen kann und meiner Meinung nach fehlt eindeutig der Bezug zum Text.

Mark Forster und Sido gelang es in 3’22 Minuten auf diese Weise wichtige Aspekte des menschlichen Daseins in einem Lied zu verkörpern. Fast jeder hat mindestens einmal davon geträumt, alles wieder neu zu beginnen, die Trümmer einfach nur hinter sich zu lassen, sich dem alltäglichen Leben zu entreissen, den eigenen Namen zu vergessen, seine Träume zu jagen – einfach Auf Wiedersehen zu sagen. Au Revoir ~

~ciel


Beitragsbild © wallpoper.com

2 Comments

  1. Ich finde es toll, wie du den Text ziemlich genau analysiert hast und trotzdem nur das Wichtigste schilderst. Ausserdem ist es interessant, wie du zum Teil verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt hast, eine Zeile zu interpretieren.
    sk8r

  2. Gelungene Interpretation, allerdings würde mich noch interessieren, wieso du genau dieses Lied gewählt hast. Es gibt ja immer wieder solche Situationen, in denen man „seine Runden durch den Teich zieht“, und von daheim weg möchte. Sei es am Ende der Bez, oder auch schon jetzt an der Kanti. Oder findest du es einfach von der Musik her ein gutes Lied (So wie ich)?
    Gut am Text finde ich, dass du nicht eine Ellenlange Interpretation mit vielen Verschiedenen Möglichkeiten gibst, sondern dich auf eine bis zwei konzentrierst und diese dann kurz und knapp aber dennoch mit dem Wesentlichen drin präsentierst.

    zumi_15

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