Der geliehene Augenblick 2

http://www.wiedemannmettler.ch/works/photography

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Bevor ihr anfangt zu lesen, betrachtet bitte dieses Bild. Betrachtet es eingängig und überlegt für euch selbst, was ihr dabei fühlt, und welche Bedeutung die einzelnen Elemente für euch haben.

Obwohl ich nie „die Künstlerin“ war, habe ich mich an der Kantonsschule für bildnerisches Gestalten angemeldet. Anfangs war ich eingeschüchtert, als alle von Künstlern und Kunst und deren Wirkung auf sie sprachen, als täten sie den ganzen Tag nichts anderes. Ich zeichnete natürlich gern, aber immer realistisch und eigentlich ohne mir mehr dabei zu überlegen. Vor Weihnachten besuchten wir die Ausstellung ‚Truffes & Trouvailles‘ im Kunstraum Baden:

Kunstraumleiterin Claudia Spinelli hat auch dieses Jahr die Ateliers im Umfeld ihrer Institution durchpirscht und reiche Beute gemacht. „Truffes et Trouvailles“ ist eine Ausstellung für Entdecker. Mit ebenso spannenden wie käuflichen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern nicht nur aus der Region.

In der Ausstellung dann betrachteten wir einige Bilder gemeinsam und interpretierten viel. Es fiel mir schon viel leichter als am Anfang. „Der geliehene Augenblick 2“, das Bild, welches ihr anfangs schon betrachten durftet, hing ebenfalls im Kunstraum. Wir haben es nicht besprochen. Doch es hatte Eindruck auf mich gemacht. Ich hatte es angesehen und ich hatte nichts gedacht. Und im nächsten Moment hatte ich so vieles gleichzeitig gedacht, dass ich mich auf nichts fokussieren konnte. Leider hatte ich nicht sehr viel Zeit, um mich weiter damit zu befassen und ging deshalb später noch einmal hin.

Nun möchte ich versuchen, meine Gedanken zu diesem Bild zu ordnen und in Worte zu fassen.

Der erste Blick fällt auf den Hintergrund, der stark herausleuchtet; weisses Nichts. Man fragt sich, ob es eine Wand ist. Der Ort sieht jedoch mehr nach einem überdachten Balkon aus, also muss das weisse Nichts die Aussicht sein. Dann überlegt man weiter, woran es liegen könnte, dass dort trotzdem nichts zu sehen ist. Mich erinnert es an Nebel, da es zu grau/blau ist, um blendende Sonne zu sein. Ausserdem macht die ganze Umgebung auf mich einen kalten Eindruck, womit ich zur Vermutung „Whiteout“ komme. Im Zusammenhang mit Whiteout liest man auf Wikipedia:

„…und der Beobachter hat das Gefühl, sich in einem völlig leeren, unendlich ausgedehnten grauen Raum zu befinden.“

Und genau dieses Gefühl bewirkt der weisse Hintergrund in diesem Bild. Leere, Unendlichkeit. Weiter heisst es:

„Bei entsprechend veranlagten Personen kann das zu einer starken psychischen Belastung führen, die sich oft durch Beklemmung und Angstgefühle äußert.“

Dies ist jedoch auf dem Bild nicht der Fall. Die Leere in „der geliehene Augenblick“ wirkt auf mich sehr angenehm, beruhigend und entspannend. Es löst in mir das Gefühl von Freiheit aus, Freiheit von Druck und Verpflichtungen. Eine naheliegende Überlegung wäre auch, dass das weisse Nichts mit Fotoshop gemacht wurde, was durchaus denkbar ist, aber die Bildaussage nicht beeinträchtigt.

Als nächstes betrachtet man die zwei Sessel mit dem Tisch in ihrer Mitte. Die Muster auf den Möbeln und das dicke Glas des Tisches, weil es von der Seite aus betrachtet grün schimmert, wirken alt, aber nicht verranzt. Man fragt sich, wieso die Sessel zu uns sehen, statt zur Aussicht gewandt zu sein. Ich finde, dass sie eine unausgesprochene Einladung darstellen. Man verspürt direkt Lust, sich in einen dieser Sessel zu setzen und das Gefühl von Freiheit zu geniessen, wird von dieser Einladung förmlich ins Bild gesogen. Vielleicht fragt man sich dann noch, wieso die Sessel leer sind. Ich glaube, dass auch das zur Einladung beitragen soll, die das Bild ausspricht. Wären die Plätze schon besetzt, könnte man schliesslich nicht mehr dorthin einladen. Ausserdem möchte man die Aufmerksamkeit auf diese besondere Stimmung lenken, nicht auf allfällige Lebewesen.

Das Bild fühlt sich mir angenehm vertraut an. Das liegt womöglich auch an der Erinnerung an ein Klassenlager. Die Situation war zwar damals etwas anders, doch „Der geliehene Augenblick 2“ spiegelt perfekt die Atmosphäre jenes Moments wieder. Ein weiterer Grund, wieso ich dieses Bild sehr mag.

Um noch auf die Komposition des Bildes zu sprechen kommen; auffallend ist natürlich das Weiss, das einen grossen Teil des Bildraumes und der Aufmerksamkeit einnimmt. Ausserdem ziehen sich Grün- und Brauntöne durch das Bild, welche beruhigend wirken. Das Bild ist wie in zum Beispiel der Landschaftsfotografie üblich in ein ein-Drittel / zwei-Drittel – Schema unterteilt. Zwei Drittel werden vom „Himmel“ (über dem Bildhorizont) eingenommen und nur ein Drittel vom „Boden“. So wird eine grosse Wirkung mit „leerem Raum“ erzeugt.

Zum Schluss möchte noch auf die Bedeutung des Titels eingehen. „Der geliehene Augenblick 2“. Ganz klar merkt man, dass es dem Künstler um einen einzelnen besonderen Augenblick, eine besondere Stimmung geht. Durch „geliehen“ sagt er aus, dass solche Momente niemals ewig wären können und niemals uns gehören, sie sind geliehen. Was uns aber gehören kann, sind die Erinnerungen an solche Momente. Und deshalb soll uns die Vergänglichkeit dieser nicht davon abhalten, sie zu geniessen und immer weiter solche Momente, beziehungsweise die Erinnerungen an solche, zu sammeln, damit wir uns irgendwann, wenn wir durch die Stockwerke unseres Lebens zurücktauchen, an sie erinnern können und sagen können, ich habe gelebt.

Dieses Bild bildet für mich einen solchen „geliehenen Augenblick“, einen Ort, wo ich nichts, oder aber auch alles zusammen fühlen und denken kann. Ich hatte bis jetzt nicht gedacht, dass Kunst so etwas bei mir auslösen kann, doch ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie mir einen eigenen solchen Ort geschenkt hat.

-Oceanç

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