Die Sicht der Schwester

„Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen.“ – Helen Keller

Dieses Zitat  bedeutet mir persönlich sehr viel. Doch ist es die Wahrheit?
Wer „taub“ ist, versteht nichts, kann nicht kommunizieren, hat keine Sprache.
Meine Hände sagen das Gegenteil. Sie kommunizieren mit meinem „tauben“ Bruder, der seit seiner Geburt hochgradig schwerhörig ist.
Man hat sehr spät herausgefunden, dass er nichts hören konnte. Zuerst war es ein Schock für meine Eltern. Niemand sonst aus der Familie hatte diese Behinderung. Die grosse Angst war, dass das Kind gar nicht sprechen würden könnte.

Auf die Frage, ob man Gebärdensprache oder Lautsprache lehren sollte, war die Antwort bilingual.
Eine Entscheidung für die ich unseren Eltern unendlich dankbar bin. Anfangs redeten wir in Standartsprache mit Andrin, später wechselten wir zu Mundart. Die Gebärdensprache lernten unsere Eltern in Kursen, und beim Sprechen begleiteten sie das Gesprochene mit Gebärden. Schritt für Schritt, lernte er zu sprechen.
Die Gebärdensprache wurde zu seiner Muttersprache. Die Lautsprache seine Möglichkeit mit der „Welt der Hörenden“ zu kommunizieren.

An die Anfänge seines Lebens und somit der Zeit des Akzeptieren, habe ich keine grosse Erinnerungen. Meine Eltern haben mich herausgehalten. Ich weiss nur noch einmal, als meine Mutter geweint hat und ich zu meiner Nachbarin gehen musste.
Kurze Zeit später erklärte man mir, dass mein Bruder gehörlos war. Ich verstand nicht von Anfang, was das bedeutete, aber mit der Zeit merkte ich, dass mein Bruder speziell war. Es war aber kein negatives speziell sein. Ich war stolz, wenn ich von meinem Bruder erzählte, der mit den Händen sprechen konnte. Ich war stolz darauf, dass wir eine eigene Geheimsprache hatten, die niemand sonst verstehen konnte. Ich war stolz, einen so einzigartigen Bruder zu haben.

Als ich älter geworden bin, habe ich eingesehen, dass die Eigenschaften, die meinen Bruder so besonders machen, nicht immer positiv sind. Es ist schwierig für ihn, in einem vollen Raum mit vielen Nebengeräuschen überhaupt etwas zu verstehen. Im Klassenraum oder bei Gesprächen in einer grösseren Gruppe ist es sehr anstrengend alles mitzubekommen, man kommt nicht mehr mit und fällt leicht raus.
Somit sagt dieses Zitat vielleicht doch die Wahrheit.

Als Andrin zehn Jahre alt geworden ist, hat er sich dazu entschieden, sich auf einem Ohr ein Cochlea Implantat (kurz CI) zu implantieren. Dabei handelt es sich um einen Chip, der in den Gehirnknochen eingesetzt wird. Dieser soll ihm das Verstehen leichter machen. Am Anfang war es sehr schwierig für ihn, denn er musste jedes Wort nochmals von vorne lernen.
Für einige mag das unlogisch klingen, denn zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits fliessend sprechen. Um den Lernprozess besser zu verdeutlichen, hören Sie sich diese Simulation an:

Hören Sie sich zuerst das erste Beispiel an.

Beispiel CI 1

Nun hören Sie sich das Original an.

Beispiel CI 2

Wenn Sie sich nun den ersten Satz mit Roboterstimme nochmals anhören, verstehen Sie den Satz.

Beispiel CI 3

So ging es auch Andrin. Er musste lernen, wie Wörter und Sätze mit seiner neuen Hörhilfe klingen.
Dank dem CI fällt ihm das Verstehen nun viel leichter.
Als ich ihn allerdings gefragt habe, ob er sich beim anderen Ohr ebenfalls ein CI implantieren will, verneinte er.
Er erklärte mir, dass das CI zwar gut sei für das Verstehen von Wörtern, er jedoch mit dem Hörgerät Geräusche und Töne hören kann, die mit dem CI roboterartig und unecht wirken.

Um nochmals auf das Anfangszitat zurückzukommen:  Helen Keller sagt, dass Taubheit von den Menschen trennt. Sprachen hingegen verbinden Menschen. Andrin spricht zwei Sprachen beinahe perfekt und versteht dank seinen Hörhilfen sehr gut. Für mich ist das Grund genug um sagen zu können: Eine Gehörlosigkeit muss nicht von den Menschen trennen. Nicht umsonst heisst es nicht mehr taubstumm. Taube und Hörbehinderte können reden! Manche mit den Händen, manche mit der Stimme, manche mit beidem.

Ich hoffe, ihr könnt dank diesem Blogeintrag besser verstehen, was es bedeutet nicht zu hören. Ich selbst weiss es auch nicht, aber ich versuche es zu verstehen, ich hoffe ihr könnt das auch.

-noname

Quellen:
CI Demos: www.kgu.de
Zitat: www.zitate-online.de

 

 

2 Comments

  1. Unser ehenaliger Musiklehrer, der selber taube Freunde hatte, sagte immer, dass blinde Menschen grundsätzlich besser gestimmt seien als taube. Dies kommt daher, weil blinde Menschen immernoch 360° hören, taube jedoch nur sehen, was sich vor ihnen befindet. Und sie sind unglücklich weil sie damit leben müssen, dass sie nicht wissen, was hinter ihrem Rücken geschieht, während blinde immernoch alles mitbekommen.
    Diese Aussage stimmt mit dem Zitat auch relativ gut überein, und ich frage mich: Ist es auch wirklich so? Sind taube Menschen wirklich unglücklicher und wenn ja auch aus dem Grund?
    zumi_15

  2. Das kann ich dir leider nicht beantworten, aber ich für meinen Teil hoffe es nicht.

Schreibe einen Kommentar